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Mythos der unschuldigen Stadt

14. Februar 2008 – Vortrag und Diskussion mit Tim Knitza

Am Samstag, den 16. Februar 2008 wollen Nazis jeglicher Couleur wieder den derzeit größten Naziaufmarsch der BRD in Dresden veranstalten, der in seiner Regelmäßigkeit mittlerweile einzigartig geworden ist. Anlass ist die Bombardierung Dresdens am 13./14. Februar 1945 durch die Alliierten. Gegen die eigentliche Motivation für den neonazistischen Trauermarsch hat die deutsche Öffentlichkeit jedoch wenig einzuwenden. Das zeigt sich an der von beiden geteilten Wahrnehmung, die Bombardierung durch die Alliierten sei Unrecht gewesen. Fern jeder Realität eines Dresdens, das zahlreiche kriegswirtschaftliche und militärische relevante Anlagen besaß, wird eine wehrlose Stadt herbeihalluziniert, die vollgestopft mit barocken Kunst- und Kulturschätzen unbeeinflusst vom Nationalsozialismus vor sich hindämmerte. Dass es hier Nazis wie in vielen anderen Großstädten sehr leicht hatten, dass hier die erste Bücherverbrennung im Reich stattfand, es hier die höchste NSDAP- Dichte pro Kopf, antijüdische Pogrome, ZwangsarbeiterInnen und politische Verfolgung gab – die ganze NS-Inhumanität also, für die die deutsche Bevölkerung die Verantwortung trägt – tangiert die heutige Erinnerungskultur wenig. Durch die Entkontextualisierung der Bombardements als ein gesondert zu betrachtendes Kriegsereignis eröffnet sich die Möglichkeit zur Verdrehung historischer Dimensionen. Über die Konstruktion eines universalen »Leid«-Begriffs, also über einer Kategorie jenseits komplexer geschichtlicher Zusammenhänge, wird die Gleichsetzung oder gar die Umkehrung des Täter- Opfer- Verhältnisses vollzogen, d. h. die Deutschen, die einen Vernichtungskrieg führten und Millionen wehrloser Menschen ermordeten, werden im kollektiven Gedächtnis zu Opfern umgedeutet.

Es ist somit kein Zufall, dass aus dem geschichtsrevisionistischen Gedenk-Szenario der Dresdner Zivilgesellschaft – der letzten 20 Jahre – einer der größten Nazi-Aufmärsche gedeihen konnte.
Es gilt dem weit verbreiteten »Opfer-Mythos« ebenso entgegenzutreten, wie dem Naziaufmarsch!

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