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»Viele leben von Nazi-Fanartikeln«

04. Mai 2001 – Musik ist Strategie von Rechten, der Jugend den Nationalsozialismus näher zu bringen

(räd) »White Noise – Begleitmusik für Mord und Totschlag« lautete der Titel eines Vortrages über rechte Musik in der Aula des Herzog-Christian-August-Gymnasiums. Heike Klefner vom Antifaschistischen Pressearchiv Berlin referierte über Rechtsrock, aber auch über das Geschäft mit rechtsradikalen »Fan-Artikeln«.

Schulleiter Dr. Günter Görz begrüßte zahlreiche Zuhörer in der Aula und dankte der Elternbeiratsvorsitzenden Elke Geck-Neidl für die Veranstaltung. Sein Dank galt auch den Schülerinnen und Schülern, darunter auch einige ehemalige, für deren Unterstützung. Rechtsradikalismus stelle eine Gefahr für die Jugend dar, da diese besonders leicht zu beeinflussen sei. »Es gibt immer wieder Gruppen, die das ausnutzen«, so Dr. Görz.
Inzwischen sei der Verkauf von Nazi-Musik und Nazi-Kleidung ein Millionengeschäft, begann Heike Klefner ihre Ausführungen. Mit Dias und einigen Musikstücken des Rechtsrock gab sie erschreckende Beispiele. 

Nazi-Skins arbeiten mit der Angst 
In einigen Orten bestimmen Naziskins die Jugendkultur und prägen mit ihrer Kleidung Kultur und Habitus der Jugendlichen. Sie errichten »national befreite Zonen«, die andere Jugendliche aus Angst vor Repressalien nicht mehr betreten. Oftmals würden gut organisierte Menschenjagden veranstaltetet, obwohl Neonazis in der Regel in keiner Partei organisiert sind. Es seien schon Fälle bekannt, in denen Kopfgeld auf Gewerkschafter ausgesetzt wurde. Auffallend sei die Häufung von rechtsextremen Gewalttaten in Bundesländern mit geringem Ausländeranteil in der Bevölkerung. Die Rechtsextremen verstehen sich als Vertreter der »Stammtisch-Parolen« wie »Die Ausländer nehmen uns das Geld weg!« Jugendliche setzten diese allerdings aktiv um, was oft als Jugendproblem herunter geredet werde. Vielmehr sei diese Einstellung aber durch Kultur und Politik in allen Schichten verankert. Die neonazistische Jugend der NPD gewinne durch diese rechte Jugendkultur. Ein wichtiger Teil dieser Kultur sei eben die rechte Rockmusik. Ian Stuart, eine in Neonazikreisen bekannte Persönlichkeit, beschrieb seine Strategie wie folgt: »Musik ist ein ideales Mittel, Jugendliche den Nationalsozialismus näher zu bringen.« Um auch unbedarfte Jugendliche zu erreichen, werden Titel von Neonazi-Musikgruppen mit Titeln von bekannten Musikgruppen auf eine CD gepresst. Vor allem seit der Wiedervereinigung könne eine vermehrte Etablierung rechtsradikaler Tendenzen festgestellt werden. Nach wie vor gebe es Orte, in denen Rechte nicht einmal auffallen. 

12 000 Skinheads in Deutschland 
Inzwischen habe der Staat darauf mit Durchsuchungen, Beschlagnahmungen und Haftstrafen reagiert. Trotzdem erfreut sich die »Kultur« der Neonazis immer größerer Beliebtheit. Gab es nach offiziellen Angaben 1989 in Deutschland etwa 2500 Skinheads, seien es inzwischen 12 000. Für diese Gruppe hat sich eine richtige „Fan-Welt“ entwickelt. Nach anfänglichen »Fanzines« – Fan-Zeitschriften – mit minderer Qualität haben sich diese zu Hochglanzdruckerzeugnissen gewandelt. Seit 1993 beinhalte die Strategie der Neonazis die Etablierung einer Gegenmacht, die Schaffung von »nationalbefreiten Zonen« und die Schaffung von rechten Läden und Jugendzentren. Mittlerweile gebe es Ladenbesitzer, die vom Verkauf von Nazi-Kleidung, -Tonträgern und anderen Utensilien gut leben können. Klefner betonte, dass die Strategien nicht deshalb funktionieren, weil Neonazis »Super-Strategen« sind, sondern weil die Zivilgesellschaft dieser Entwicklung einfach zugesehen habe. Ein Vertreter von der linken Gruppe »ZAK« führte aus, dass es Probleme mit Rechtsradikalen nicht nur in Ostdeutschland gebe. Am 19. Dezember 1988 kam es in Schwandorf zu einem Brandanschlag, und auch in Sulzbach-Rosenberg seien Naziaktivitäten festzustellen. Diejenigen, die gegen Rechts kämpfen, würden in ihrer Arbeit behindert. So sei dem Treff »Mundschenk« die Gemeinnützigkeit entzogen worden.

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