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»Bitteres Vergnügen«

29. November 2008 – Eine satirische Lesung mit Rainer Trampert & Thomas Ebermann

Der Jugendclub Bureau stellt zusammen mit der Hängematte eine satirische Lesung auf die Beine.

»Sie gelten als die Linksaußen in der deutschen Kabarettszene.« – Woran
erkennt man das? Sie fordern von ihren Zuhörern die Nutzung eines
Organs, das aus der Mode gekommen ist, seit wir alle nicht mehr »klüger
als der Markt« sein und selbst die Studenten nur noch lernen statt
denken sollen: »Wer beiden folgen möchte, der muss nicht nur die Ohren
spitzen, sondern auch das Gehirn einschalten.« Das kann, wenn lange
unbenutzt, zu Reibung und Qualm führen – »einem Teil des Publikums
rauchte zur Pause schon der Kopf.« Aber dann findet man sich:
»Galgenhumor nennt man das wohl, was auch beim Publikum vergnügte
Bitterheit oder bitteres Vergnügen bewirkt.« Selbiges wird erzielt mit
»einer ebenso einfachen wie wirkungsvollen Technik: Original-Töne werden
mittels Zwischenbemerkungen zur Kenntlichkeit entstellt.« Daraus
entsteht »ein erzählerisches Meisterstück, eine in Benjaminscher
Erzählweise verdichtete Schlagzeilen – Berichterstattung.« Manchmal
fühlen sie sich von den Rezensenten richtig gut verstanden: »Das ist der
verzweifelte Witz, der aus der Position der Ohmacht entsteht und doch
nie ohne tief empfundene Solidarität daherkommt.« Manche Rezensenten
sind ihrerseits erleichtert, dass besagter Witz ein ohnmächtiger ist.
Sie sind »froh, dass die beiden bärbeißigen Linken ihre Verachtung des
politischen Pragmatismus nur auf harmlosem Papier austoben und keine
Politik mehr gestalten.« Versprochen ist ein Mix aus alter und neuer
Verachtung des Pragmatismus.

Zum Programm »Bitteres Vergnügen«:

In dem aktuellen Stück: »Der Dax in der Hypothekenkrise« (Trampert) geht
es um wichtige Anlagetipps (in den USA sind Immobilien günstig zu haben)
und um die Frage: Braucht der Mensch, der vom Humankapital zum
kompletten Kapital mutiert, nicht hin und wieder etwas Lebendiges wie
den Dax, der freundlich ist, nachgibt, sich erholt… ? Nicht minder
aktuell ist die Frage, was die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland
damit zu tun hat, dass der Dirigent des Deutschen Synfonieorchesters am
3.Oktober die Kantate »Von deutscher Seele« des Nazi-Komponisten Hans
Pfitzner aufführen musste (Ebermann).
In der Rubrik »Erkenne dich selbst und tu was für dich« begründen beide,
dass sie sich, was ihre beruflichen Perspektiven angeht, der »Digitalen
Boheme« (Ebermann) anschließen. Warum? Wer Websoftware (das neue Lotto
der digitalen Boheme) schreibt, dem stehen alle Quellen des Sponsoring,
Product Placement und Eventmarketing offen. In dem Stück »Hypnotische
Reinkarnationstherapie« (Trampert) wird dann gezeigt, dass jeder Mensch
schon viele Wiedergeburten hinter sich hat, und, dass traumatische
Erlebnisse aus früheren Leben, ob im alten Rom oder in einem Stall in
Bethlehem, per Reinkarnationstherapie leichter zu heilen sind als per
Psychoanalyse.
Im Programmteil »Wissenschaft leicht gemacht« wird der neueste Stand der
»modernen Gehirnforschung« (Trampert) vorgestellt, weil jeder wissen
sollte, dass er keinen eigenen Willen hat, sondern von Schaltkreisen und
Neuronen gesteuert wird, für die er nichts kann. Es wird ein
Zwischenbericht sein, weil noch offen ist, warum die Neuronen sich im
Nationalsozialismus gerade so und nicht anders entschieden haben.
Außerdem geht es um die neuen »Elite-Unis« (Ebermann). Dass wir sie
brauchen, steht ausser Frage, offen ist aber, was semiotisch reine,
prädiskursive Wege durch das architektonische Rauschen, die frei sein
müssten vom Unterholz der Sinnlichkeit , damit zu tun haben, dass der
Versuch des Verstehens ein stolpernder und potentiell irrender ist.
Im Bereich »Politik, Geschichte und Kultur« wird mit »Joschka Fischer«
(Trampert) darüber gesprochen, warum er erst jetzt, in seinem 29. Buch,
offenbart, dass er schon immer unter seiner Hochbegabung gelitten hat,
und dass Gerhard Schröder eine Niete ist. Zur Aufarbeitung der
Geschichte gehört, dass man nicht nur die Taten von Franz Josef Strauss,
dem alten Fritz, Fürst Bismarck, Otto Lilienthal, Dutch Schultz,
Ceausescu, Konfuzius oder Mutter Teresa kennt, sondern endlich auch ihre
„letzten Worte» (Ebermann) würdigt, die sie hauchten, bevor sie die
Augen für immer schlossen.
Supermodern wird das Programm bei der Frage, ob Rapper „Eminem»
(Trampert), Bushido, acht Einschüsse (nur für die Authentizität) und die
Suche nach der Wiederkehr der verlorenen Pubertät im Kampf gegen das
neue Selbstverständnis der Frauen helfen können. Weitere Fragen sind:
Mit welchem Trick will »Benedikt« (Trampert) den dramatischen Niedergang
der Katholischen Kirche in Brasilien und Österreich stoppe? Nach welcher
Regel ist das Spiel fortzusetzen, wenn eine Krähe mit dem Golfball im
Schnabel seitwärts in den Wald geflogen ist? (Ebermann) Wer hilft
Lotto-Millionären bei der Flucht vor ihren Verwandten und weniger nahe
stehenden Schatzsuchern? (Trampert)

Rainer Trampert und Thomas Ebermann leben als freie Publizisten in
Hamburg als Autoren u.a. für KONKRET >>> und Jungle World >>>.

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