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Enough is Enough – Nachbericht

25. September 2010 – Redebeitrag der ASR

Hallo Genossinnen und Genossen sowie alle, die sich nicht mit den vorgegebenen Geschlechterrollen identifizieren wollen oder können, erstmal Danke an euch alle, dass so viele von euch heute hier sind und mit uns zusammen gegen die Amberger Stadtpolitik auf die Straße gehen.
Wir sind jetzt ein kleines Stück von der Straße weggegangen und sind jetzt hier im Englischen Garten. Dieser Steg hinter mir ist der Vilssteg. Hier wurde vor 15 Jahren der Homosexuelle Klaus-Peter Beer von zwei Amberger Neonazis ermordet.
Damals traf der Busfahrer Klaus-Peter Beer in einem Amberger Gasthaus zwei junge Männer und spendierte ihnen mehrere Biere. Er ahnte nicht, dass es sich bei den beiden um zwei gewaltbereite Rechtsradikale aus der Amberger Neonaziszene handelte. Als diese feststellten, dass Klaus-Peter Beer homosexuell war, fassten sie den Entschuss »es dem Schwulen zu zeigen«. Danach gingen sie mit ihrem Opfer zum Vilssteg, wo ihn einer der beiden niederschlug. Anschließend traten beide mit Springerstiefeln auf Kopf und Körper von Klaus-Peter Beer ein. Als dieser bewusstlos war, warfen sie ihr hilfloses Opfer in die Vils, wo es ertrank. Der Grund für seinen Tod war allein seine Homosexualität, die nicht in das Weltbild seiner Mörder passte.

Die Stadt Amberg hat es bis heute nicht für nötig gehalten, sich mit diesem Vorfall auseinanderzusetzen. Deshalb fordern wir seit nunmehr 7 Jahren die Umbenennung des Vilsstegs in »Klaus-Peter Beer-Steg«. Ganz nach der Amberger Tradition des Verdrängens und Ignorierens der unschönen Teile ihrer Vergangenheit wurde auch dieser Forderung nicht nachgekommen. Wenn die Stadt sich nicht darum kümmert, müssen wir es eben selbst in die Hand nehmen. Deshalb werden wir heute nach diesem Redebeitrag diese Gedanktafel der Stadt Amberg offiziell schenken.
Klaus-Peter Beer musste aufgrund der homophoben Weltanschauung seiner Mörder sterben. Homophobie ist eine irrationale Angst vor homosexuellen Menschen und ihren Lebensweisen. Die daraus entstehenden Vorurteile, bis hin zu Ekel und Hassgefühlen, rufen wiederum Ängste und infolgedessen antihomosexuelle Aggression und Gewalt hervor.
Diese Gewalt muss keine physische Gewalt, wie im Fall Klaus-Peter Beer, sein. Die am häufigsten auftretende Art homophober Gewalt ist wohl die verbale – in Form von Beleidigungen, homophoben Witzen und der Entwertung der Sexualität und Lebensform: Eine Lesbe hatte noch nie richtigen Sex o.ä.
Aber auch psychische Gewalt wie Erpressung, Drohungen oder Verleugnung offener Homosexualität.
Doch nicht nur einzelne Individuen üben Gewalt gegen Schwule, Lesben und Transgender aus. Auch staatliche Institutionen oder öffentliche Einrichtungen benachteiligen nicht-heterosexuelle Menschen systematisch. Angefangen bei der Verweigerung der rechtlichen Absicherung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften über zusätzliche Hürden im Versicherungs- und Gesundheitssystem bis hin zu einer durchgängigen Nicht-Akzeptanz in kulturellen und kirchlichen Bereichen, teilweise in den entsprechenden Satzungen o.ä. begründet.
Ein weiteres Beispiel stellt Paragraph 175 StGB dar. Dieser Paragraph wurde 1935 im dritten Reich verschärft und sah für schwulen Sex in ›schweren Fällen‹ bis zu 10 Jahre Zuchthaus vor. Dieser Paragraph wurde unverändert in das Strafgesetzbuch der BRD übernommen und galt 20 Jahre lang. Er stellte bis 1973 sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe. Auch später wurden Schwule nach §175 gegenüber heterosexuellen oder lesbischen Beziehungen benachteiligt. Erst 1994 wurde §175 während der Rechtsangleichung an die ehemalige DDR ersatzlos gestrichen.

Während in keinem europäischen Land heute Homosexualität noch strafbar ist, wird vor allem im Nahen Osten Homosexualität empfindlich geahndet – teilweise sogar mit der Todesstrafe oder lebenslanger Haftstrafe. Strafgesetze existieren weiterhin in der so genannten Dritten Welt. Oft handelt es sich dabei um ein Erbe der europäischen Kolonialgeschichte, manchmal auch, wie in verschiedenen islamischen Staaten, um die Wiederbelebung religiöser Gesetze, die in früheren Zeiten nur selten angewandt worden waren.
Mit all diesen Hindernissen und Problemen haben sich nicht-heterosexuelle Menschen tagtäglich auseinanderzusetzen. In einer nach strikten konservativen und damit auch heterosexuellen Werten ausgerichteten Gesellschaft werden Menschen mit anderer sexueller Identität systematisch aus diesem Gesellschaftsgefüge ausgeschlossen und benachteiligt.
Homophobie ist allerdings keine phobische Störung im klassischen, medizinischen Sinne, sondern meist eine unbewusste Angst davor, seine eigene sexuelle Identität zu hinterfragen. So ergab beispielsweise eine von Adams durchgeführte Studie an 64 heterosexuellen Männern, dass ein Großteil der als homophob eingestuften Probanden bei Beobachtung homosexueller Handlungen eine eindeutige Erektion bekam, wohingegen die nicht-homophobe Vergleichsgruppe nur zu einem Viertel sexuelle Erregung zu erkennen gab.
Außerdem wirken die von der gesellschaftlichen Norm abweichenden Lebensrealitäten von Schwulen, Lesben und Transgendern auf viele irritierend. Die AggressorInnen haben Angst vor der Tatsache, dass Lesben die männerdominierte Gesellschaftsstruktur und Schwule die patriarchalen Verhältnisse in Frage stellen.

Die feste Zuweisung von Eigenschaften zu jedem Geschlecht führt zur Einengung in feste Geschlechterrollen und verhindert zum einen die individuelle Persönlichkeitsbildung und zum anderen die Wahrnehmung der verschiedenen Entwicklungsvarianten und Ausdrucksformen der menschlichen Sexualität.
Die Auswirkungen aus diesem Denken schlagen sich vor allem in der Kindheit und im jungen Erwachsenenalter sich schwul, lesbisch oder transsexuell entwickelnder Menschen nieder. So werden homosexuell empfindende Kinder heteronormativ erzogen. Soll also heißen: der kleine Junge muss mit dem Bagger spielen, auch wenn ihm die Barbie viel besser gefällt.  Damit wird jedem nicht-heterosexuellem Kind die Möglichkeit genommen, eine positiv besetzte Geschlechtsidentität zu entwickeln. Aus diesem Grund erleben viele Homosexuelle in ihrer Jugend ein Gefühl des Verlassenseins in der Familie und im Freundeskreis. Sie bekommen durch die Verhaltensweisen ihrer Umwelt vermittelt, sie seien abnormal.
Damit ist die Entwicklung des Kindes nachhaltig gestört. Um sich selbst nicht ins soziale Abseits zu manövrieren und sein emotionales Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, ist es gezwungen, seine homosexuellen Tendenzen zu verdrängen. Damit grenzt es sich bewusst von einem Teil seiner Persönlichkeit ab, was zu schweren psychischen Störungen und mangelndem Selbstwertgefühl führen kann.
Auch besteht die Gefahr, dass sich der gleichgeschlechtlich empfindende Mensch mit einem homophoben Aggressor identifiziert und somit selbst homophobe Verhaltensmuster an den Tag legt – praktisch gegen sich selbst hetzt, um die eigene Homosexualität zu verbergen.
Die so in Schwulen, Lesben und Bisexuellen verankerten homophoben Muster in Verbindung mit dem Gefühl nicht zum Rest der Gesellschaft zu passen stellen eine hohe emotionale Belastung für viele dar. Daraus resultiert ein 4mal so hohes Suizidrisiko unter Homosexuellen.

Es gibt bereits Erfolge im Kampf um die Gleichberechtigung von Lesben, Schwulen und Transgendern. Klar nachweisbare Siege der Schwulenbewegung sind beispielsweise die Abschaffung des Paragraphen 175 und die Möglichkeit gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften eintragen zu lassen und Kinder adoptieren zu dürfen.

Zum anderen gestehen sich viele gleichgeschlechtlich lebende Paare und Menschen ihre Rechte im vollen Maße zu, was fast immer gegen die heteronormative Gesellschaft geschieht.

Andererseits hat sich der prozentuale Anteil an homophoben Menschen in den letzten 10 Jahren in Deutschland glatt verdoppelt. So haben heute 50% der Deutschen zumindest kein Verständnis für Homosexualität, ein Drittel lehnt sie komplett ab. Im ländlichen Raum ist ein Leben für viele Homosexuelle nach ihrem Outing aufgrund des sozialen Drucks nicht mehr möglich. Laut MANEO erleben 40% aller Homosexuellen jährlich körperliche Gewalt – diese führt soweit, dass sogar gezielte Hetzjagden auf Schwule, Lesben und Transgender gemacht werden.

Da nicht-heterosexuelle Menschen noch immer und in allen Lebensbereichen benachteiligt werden, fordern wir Folgendes:

Ein mehr symbolischer als praktischer Akt wäre Artikel 3 GG, der die Gleichheit vor dem Gesetz beschreibt, um den Teil der sexuellen Orientierung zu erweitern.

Das Bild von Homosexuellen in den Medien muss nachhaltig verändert werden. Als beste Beispiele kann man hier »Traumschiff Surprise« von Bully Herbig und »Southpark« anführen, in denen Homosexuelle in die vorherrschenden Klischees zurückgedrängt werden. Vor allem Jugendliche sehen diese Filme und Serien und greifen diese Klischees unreflektiert auf. Das führt zu einer Asozialisierung von Homosexuellen und Menschen, die nicht den Geschlechterrollen entsprechen.

Die Unterscheidung zwischen Homo- und Heterosexualität sollte von Anfang an unterbunden werden. So muss die Anti-Homophobie-Arbeit auch Einzug in die Kindererziehung halten, um Homosexualität endlich als das in den Köpfen zu verankern was es ist: Etwas normales!

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