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Nachhaltigster Eindruck: Das Originalzitat

24. November 2001 –

Sulzbach-Rosenberg. (vb) Die Lacher im Publikum waren so häufig, anhaltend und intensiv, daß die dadurch notwendigen Unterbrechungen beinahe schon störend geworden wären. Was könnte ein größeres Lob für eine Lesung satiririscher Texte sein? Dem vom Jugendclub Bureau und der Gruppe ZAK organisierten Auftritt von Klaus Bittermann und Fritz Tietz im proppevollen »Mundschenk« muß man genau dieses Lob aussprechen. Über zwei Stunden hielten sie die Zuhörer mit ihren stellenweise ziemlich derben, doch zumeist treffenden und auch höchst gewitzten und fein formulierten Texten aus der Reihe »Warum sachlich, wenn es auch persönlich geht - Aus dem Who’s who der peinlichen Personen« bei allerbester Laune.

Das Prinzip, dem das kongeniale Paar in seinem polemischen Schaffen folgt, läßt sich vielleicht folgendermaßen formulieren: Wer mit aller Penetranz und Schamlosigkeit danach drängt, sich in die mediale Öffentlichkeit zu bugsieren, der muß nach allen Regeln der Schreib- und Beleidigungskunst vorgeführt und eben auch öffentlich zerlegt werden. So erging es an diesem Abend dem nervtötenden Grünen-Chef Fritz Kuhn, dem Sparschwein Hans Eichel, der glücklicherweise der CDU mehr Stimmen kostenden als einbringenden Parteivorsitzenden Angela Merkel, dem vermutlich völlig wahnsinnigen und vielleicht deswegen erfolgreichen BILD-Kolumnisten Wagner und noch zahlreichen anderen Polit- und Medienmonstern. 

An dieser Aufzählung läßt sich schon erkennen, daß Tietz und Bittermann es mit keiner politischen Partei halten – ihre Partei ist die der Menschlichkeit, die sich nun mal mit auch unsanften Mitteln gegen die Zumutungen des öffentlichen Alltags zur Wehr setzen muß. Manches steht eben unter aller Kritik und es hilft nur noch Denunziation – und auch die nur vielleicht. Das Ziel, welches dabei verfolgt wird, ist wie bei jeder guten Satire das der Aufklärung: Auf allen Ebenen die gesellschaftlichen Anmaßungen und Ungeheuerlichkeiten möglichst schonungslos bloßzustellen und dabei darauf hinzuwirken, daß die Menschen sich das ja nicht bieten lassen müssen.

Den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen solche Beleidigungen natürlich, wenn sich der Polemiker die Schreibarbeit sparen kann und die größte Peinlichkeit die Richtigen trifft, nur indem man sie im Originalton zu Wort kommen läßt. Das auch an diesem Abend vorgespielte Paradestück und -beispiel lieferte Verona Feldbusch bei ihrem mittlerweile wohl legendären »Wie-heule-ich-am-Glaubwürdigsten-auf-Kommando-im-Fernsehen-und-scheitere-dabei-kläglich«-Auftritt bei Johannes B. Kerner. Selten zeigt der Irrsinn sich so geballt und hervorragend wie in diesem Falle.

Spätestens dann jedoch ahnt man, warum Bittermann und Tietz ihr Jahrbuch »Who’s who der peinlichen Personen« mit der diesjährigen Ausgabe einstellen: Tut man sich sowas nur für einen Abend an, sorgt das zwar einerseits für ratloses Kopfschütteln, wie diese dauernden und dämlichen Peinlichkeiten möglich sind und das auch noch in aller Öffentlichkeit, ohne daß die Bevölkerung die Fernsehsender stürmt. Aber es erzeugt in dieser Dosierung auch erleichterndes Lachen, weil man merkt, wie wenig diese Typen mit einem selbst zu tun haben. 

Muß man sich das aber wie Bittermann und Tietz aus beruflichen Gründen regelmäßig anhören und -schauen, ist irgendwann eine Grenze erreicht – oder man läuft Gefahr, sich diesem grauenhaften Schauspiel anzuähneln. Dann ist’s doch weniger gefährlich, Bücher zu verlegen und politische Polemiken zu schreiben – womit Bittermann ansonsten beschäftigt ist – oder auch satirische Filme zu drehen. Dann aber bitte und hoffentlich solche, wie sie Fritz Tietz an diesem Abend gewissermaßen als Zuckerl gezeigt hat.

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