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Texte quer durch die Widrigkeiten des Lebens

30. April 2002 – Konkret-Herausgeber Hermann Gremliza und Poet Horst Tomayer lesen in der Hängematte

Sulzbach-Rosenberg. (vb) Der Abend begann mit einigen Widrigkeiten: ein wackelnder Tisch, fehlendes Bier, ein pfeifendes Mikrofon. Drei Stunden später jedoch, als der Konkret-Herausgeber Hermann L. Gremliza und der Poet und Polemiker Horst Tomayer ihre Lesung im ausverkauften Saal der Hängematte unter lange andauerndem Applaus beendet hatten, wussten wohl alle Anwesenden, dass dies nur Nichtigkeiten sind. 

Die beiden Hamburger absolvierten ihr Programm strikt arbeitsteilig: Gremliza war zuständig für die Abteilung »Wasser und Wahrheit«, Tomayer kümmerte sich um »Dichtung und Dosenbier«. Anders ausgedrückt: Der Erstgenannte ist der politischere der beiden Autoren und las Texte, die sich kritisch und polemisch mit den Zumutungen der seit schon geraumer Zeit spätkapitalistischen Welt auseinandersetzen und sich zu diesem Zwecke die ganze Riege der Prominenz in Politik und Medien vorknöpfen. 

Seine Attacke auf das, was ihm deutsch ist, führte Gremliza mit dem größten Ernst und der unerbittlichsten Schärfe in dem aktuellsten Text des Abends, in dem er die neue Einigkeit der Nation von links bis rechts und von oben bis unten in der Ablehnung Israels und seiner Politik registriert und die »antisemitischen Reflexe« von Möllemann, Fischer, Blüm und PDS-Größen als authentische Äußerungen von Volkes Stimme beschreibt. 

Tomayer hingegen hält sich meist fern von den banalen Grausamkeiten des politischen Geschehens und wendet sich den Menschen zu und dem, was aus ihnen nach den Zurichtungen durch Staat und Kapital wird. In einer vielleicht korrekt als »wahnwitzig« zu nennenden Weise trägt Tomayer Texte vor zu solch unerschöpflichen Themen wie Liebe, Mutter, Geschlechterkampf oder Religion, manchmal schier endlos scheinende Wortketten, die nur manchmal an den Endreimen den Vortragenden wie seine Zuhörende ein wenig zur Ruhe kommen lassen. 

In solchen Widersprüchlichkeiten bewegt sich Tomayer in seinen Texten und in seinem Vortrag. Und er macht dies auf meisterhafte Weise. Das Lachen, das er beim Publikum beinahe in Permanenz auslöst, ist das Lachen der Verzweiflung.

Bild des gemischten Doppels ›››

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