Archiv

Die Sarrazin-Debatte und die Krise

10. Juni 2011 – Vortrags- und Diskussionsveranstaltung mit Tomasz Konicz

Auch diese jüngste „Deutsche Welle“ scheint verebbt. Als sei die hasserfüllte öffentliche Debatte des vergangenen Sommers nur ein schlechter Fiebertraum gewesen, ist inzwischen wieder Ruhe in die Reihenhaussiedlungen der deutschen Mittelklasse eingekehrt. Angestachelt von den rassistischen Ausfällen des ehemaligen Bundesbankers Thilo Sarrazin, der seine in Buchform gepressten Hasstiraden unter williger Mithilfe von Bild und Spiegel verbreiten konnte, quollen die Internetforen und Leserbriefspalten Deutschlands über mit wütenden Attacken und Diffamierungen, in denen die extrem rechten Stereotypen des „integrationsunwilligen Ausländers“ und des „Sozialschmarotzers“ ineinanderflossen. Ein zivilisatorischer Damm schien gebrochen: Etliche Personen des öffentlichen Lebens der BRD solidarisierten sich mit Sarrazin, dessen sozialdarwinistisch und biologistisch grundierte Ausländerhetze oftmals als „mutiges Aussprechen unbequemer Wahrheiten“ interpretiert wurde. In Meinungsumfragen gaben deutliche Mehrheiten der Befragten Sarrazin recht, während Politiker von SPD und CDU ein hartes Durchgreifen gegenüber „integrationsresistenten Ausländern“ forderten.

 

Und doch scheint sich dieser rassistische Sommersturm nach Sarrazins Abgang aus dem Vorstand der Bundesbank ebenso rasch gelegt zu haben, wie der über die BRD hereingebrochen ist. Wird also wieder alles gut? Mitnichten, meint unser Referent Tomasz Konicz, tätig als freier Journalist unter anderem für Neues Deutschland, Lunapark21, AIB, ak oder den telegraph. Die Kernthese lautet hierbei, dass Sarrazin einen „Extremismus der Mitte“ hoffähig gemacht habe, bei dem die hegemoniale kapitalistische Ideologie in ihr Extrem getrieben und teilweise weiter irrationalisiert wurde. Die enorme Popularität seiner rassistischen Thesen speise sich demnach gerade aus der Tatsache, dass der pensionierte Bundesbanker viele weltanschauliche Grundannahmen mit seinen bürgerlichen Kritikern teilt. Sarrazin passte nur die geltende Ideologie an die Krisendynamik an und formulierte die entsprechenden Antworten. In letzter Konsequenz dieses totalitären, rassistisch gefärbten Ökonomismus würde den aus der Kapitalverwertung herauschgeschleuderten Menschen das Existenzrecht abgesprochen.

 

Im vergangenen Sommer 2010 wurden somit die Umrisse einer Rebellion der Konformisten oder konformistischen Rebellion sichtbar, bei der die vom sozialen Absteig bedrohte Mittelschicht in Zuspitzung des hegemonialen neoliberalen Diskurses die herrschenden Ausbeutungs- und Unterdrückungsstrukturen von Markt, Konkurrenz und Staat ins Extrem gesteigert sehen wollte. Diese Dynamik hat die politische Landschaft der BRD nachhaltig verändert, wie insbesondere das gescheiterte Ausschlussverfahren gegen Sarrazin aus der SPD unter Beweis stellt. Der manifeste Hass gegen die "unnützen Schmarotzer" ist nur in ein latentes Stadium getreten. Mit jedem weiteren Krisenschub wird diese Tendenz erneut an Dynamik gewinnen.

 

Eine Veranstaltung vom Jugendclub Bureau und der Aktion Schwarz-Rot.

http://redside.blogsport.de/

‹‹‹ zurück zum Archiv