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Zwei unversöhnliche Kritiker des Zeitgeistes

26. September 2002 – Rainer Trampert und Thomas Ebermann lasen im »Jugendclub Bureau« – Leitkultur am Pranger

Sulzbach-Rosenberg. (srz) In diesen Zeiten sind Veranstaltungen, die sich der Aufklärung verschrieben haben, rar gesät. Eine Ausnahme bildete die Lesung mit Rainer Trampert und Thomas Ebermann, die auf Einladung des »Jugendclub Bureau« bereits zum zweiten Mal in Sulzbach-Rosenberg Station machten.

Im Rahmen der nun schon seit mehreren Jahren laufenden Reihe »Texte wider den Zeitgeist« stellten sie ihr neues Programm »Sachzwang und Gemüt« vor.

Witz und Satire
Wie gewohnt bezogen die beiden Autoren mit Witz und Satire Stellung gegen den alltäglichen Irrsinn in Politik und Kultur, insbesondere gegen dessen Auswüchse im »Land der Dichter und Denker« - etwa mit dem Stück »Die Meistersinger von Nürnberg«, wo sie den Antisemitismus Richard Wagners herausarbeiteten.

Bei den üblichen Stereotypen, wie etwa dass »der Jude« nur mittels »verwirrtem Geplapper« (Wagner) sich mitteilen könne, und außerdem – wer hätte das gedacht – auch noch hinter des Goldschmieds reichem Erbe her sei, lacht die deutsche Elite. Sie findet sich pflichtgetreu jedes Jahr auf dem Bayreuther Hügel ein, um mit Richard Wagners Werken dem »erhabensten Ausdruck der deutschen Leitkultur« (Trampert) beizuwohnen. Für einige Lacher sorgte auch ein von den beiden Autoren verlesenes Protestflugblatt, das vom »Verein deutsche Sprache« auf einer ihrer Veranstaltungen verteilt worden war und in dem die Verfasser den beiden vorwerfen, sie würden durch Verwendung von Anglizismen zur Überfremdung der deutschen Sprache, mithin zum Sieg des angelsächsischen Imperialismus über deutsche Identität beitragen. 

Der »Verein deutsche Sprache« sei auch sonst sehr aktiv und habe beispielsweise eine Liste zu liquidierender Anglizismen aufgestellt, nebst Vorschlägen, wie die verhassten Begriffe in Zukunft irgendwie deutscher klingen könnten: so solle man doch lieber »Windableitblech« verwenden, statt des angelsächsisch-imperialistischen Spoilers.

Wer bei soviel erhabener deutscher Leitkultur ungläubig den Kopf schüttelte, wurde von Ebermann und Trampert schnell eines besseren belehrt: »Die Wirklichkeit, die wir beschreiben, ist wirklich so schlimm.«

Angesichts der Bundestagswahlen ließen es sich die beiden nicht nehmen, ein wenig in der großen Politik mitzumischen. So stellten sie dem Diskurs über die Arbeitslosen und den Ideen der Hartz-Kommission ihre Theorie gegenüber, der gemäß Arbeit nichts weiter sei als ein »Fluch Gottes«.

Krieg mit Schröder
Sie ließen sich gar zu Hilfestellungen hinreißen, um dem Publikum die Qual der Wahl etwas zu erleichtern: »Krieg mit Schröder oder Stoiber, abschieben mit Schily oder Westerwelle. Die Welt ist voller Alternativen, sagt der Hamster im Laufrad.«

Die etwa 60 begeisterten Zuhörer nahmen es dankend an. Einzig wer sich Antworten auf die Frage »Wie würden Sie es denn besser machen?« erhoffte, musste enttäuscht werden, da sich die beiden Autoren voll und ganz der Negation verschrieben haben, um die Kritik und befreiende Vision nicht dem Staatsetat, der Konkurrenzfähigkeit der Nation und tausend anderen Normen zu unterwerfen. 

Mitmachen und Reformieren ist ihre Sache nicht, dafür aber unversöhnliche Kritik an herrschenden Verhältnissen. Texte wider den Zeitgeist eben.

Foto von Ebermann & Trampert  ›››

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