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Antisemitismus als »Normalität«

09. Dezember 2002 – Podiumsrunde der Antirassismus-Gruppe in der Hängematte – Jugend rege interessiert

Sulzbach-Rosenberg. (vb) »Der Antisemitismus kehrt derzeit massiv zurück.« Dies war die zentrale Aussage vom Podium bei der Diskussion »Antisemitismus: deutsche Normalität«, zu der die Gruppe »arasu« in die Hängematte eingeladen hatte.

Um den Beleg und die Erklärung dieses Satzes kümmerten sich Stefan Wirner, Redakteur der Zeitschrift »Jungle world«, und Lars Rensmann, Politologe an der FU Berlin, zwei Stunden lang vor einem mehrheitlich jugendlichem Publikum. Gabriele Brenner von der Jüdischen Gemeinde Weiden musste ihre Teilnahme kurzfristig wegen Krankheit absagen.
Die einleitenden Worte übernahm Harri Arthur für die Gruppe »arasu« – das steht für Antirassismusgruppe Sulzbach-Rosenberg. Er erläuterte, dass die Tätigkeit der Gruppe sich angesichts jüngster Entwicklungen zunehmend auf den Schwerpunkt Antisemitismus konzentriere. Wobei er den Bogen spannte von der Walser-Debatte über die Diskussion um Israel hin zu regionalen Erscheinungen des Antisemitismus, um die Zentralität des Themas zu erläutern.
Nachdruck wurde den einführenden Aussagen durch den Podiumsbeitrag von Stefan Wirner verliehen. Der Journalist gestaltete seinen Podiumsbeitrag in der Hauptsache durch eine chronologische Auflistung antisemitischer Taten im Deutschland des Jahres 2002. Obwohl ausdrücklich unvollständig, nannte die Zusammenstellung Anschläge, Attacken, Morde, Friedhofsschändungen und weitere antisemitische Vorfällen, um die Berechtigung des Veranstaltungstitels zu verdeutlichen: Antisemitismus: deutsche Normalität.
Lars Rensmann blieb es dann überlassen, über Ursachen, Hintergründe und Gefährlichkeit des Antisemitismus zu sprechen. Dabei stellte er eingangs klar, dass über Antisemitismus nur vor dem Hintergrund von Auschwitz geredet werden könne, vor dem Hintergrund, dass der Antisemitismus von den Deutschen zur Staats- und Vernichtungsideologie gemacht worden sei.
Wichtig war Rensmann die Unterscheidung des Antisemitismus vom Rassismus. Das Spezifikum des Antisemitismus ist ihm zufolge der Anspruch als Welterklärungsmodell: Die Übel der modernen kapitalistischen Welt fänden im antisemitischen Weltbild letztlich eine Ursache: den Juden als das radikal Böse. Dieser bedrohe das radikal Gute: Nation, Volk, Gemeinschaft, das Ursprüngliche, in diesem Land das Deutsche.
Den Beginn des Anstiegs eines immer offener sich gebenden Antisemitismus in der Bundesrepublik datierte Rensmann mit der Wiedervereinigung. Seither ginge es im Lande um die Schaffung einer nationalen Identität, und dies geschehe, indem die deutsche Geschichte »normalisiert« werde.
Dabei erschienen jedoch die Juden als »Störenfriede der Erinnerung« und zögen den Hass auf sich, da sie an den Holocaust gemahnen, durch den Deutschland eben keine normale Nation sein könne. »Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen«, spitzte Rensmann diesen Punkt zu.
Dies habe sich in der Goldhagen-Debatte gezeigt, später dann in den Diskussionen um Walser und nun in den aktuellen Äußerungen zu Israel, »dem als Projektion der Vernichtungskrieg vorgeworfen wird, den die Deutschen im zweiten Weltkrieg geführt haben«.
Folge davon sei mittlerweile, dass Antisemitismus gesellschaftlich als toleriert gelten könne. Dies zeige sich unter anderem darin, dass Hassbriefe an jüdische Einrichtungen regelmäßig mit vollem Namen und Adresse unterzeichnet würden.
In der anschließenden Diskussion wurde das Einschreiten gegen diesen wiedererstarkten Antisemitismus als dringend notwendig gefordert. Das allererste und mindeste Mittel dazu sei Aufklärung.

Foto der Redner ›››

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