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Die verinnerlichte Volksgemeinschaft

07. Februar 2004 – Der deutsch-österreichische Weg zum Faschismus

Kommt die Rede auf das Fortwirken des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik und in Österreich, so weiß jede und jeder schnell einige Personen aufzuzählen, die trotz – oder vielmehr gerade wegen – ihres Wirkens als ranghohe Nazis nach 1945 eine steile Karriere machten. Das Phänomen des Postnazismus ist damit jedoch mitnichten ausreichend erklärt. Vielmehr gehören gerade die ideologische Kontinuitäten in den Blickpunkt gerückt, die Art und Weise, wie es den Deutschen bei aller Demokratisierung gelang, ihre Volksgemeinschaft in die Nachkriegsgesellschaft hinüberzuretten. Gemeint sind dann nicht mehr einfach jene, die so gerne als Ewiggestrige betitelt werden, Alt- und Neonazis also, denn schon Adorno hatte darauf hingewiesen, dass das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie potentiell bedrohlicher sei als das Fortwirken faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie.
Stephan Grigat, Autor und Mitglied der Wiener Gruppe »Café Critique« spricht am 7. Februar ab 20 Uhr im Jugendclub Bureau zum Thema. Dabei wird es darum gehen, darzustellen, was den Postnazismus nach 1945 ausgemacht hat, etwa Sozialpartnerschaft und Korporatismus, sekundärer Antisemitismus und die Integration nazistischer Elemente in die Demokratie. Und des weiteren, worin die heutige Transformation der Nachfolgegesellschaften des NS besteht.
Thematisiert werden soll insbesondere auch das Verhältnis von Demokratie und Faschismus, und das heißt nichts anderes als die Frage zu stellen, was es heißt, in den nachbürgerlichen, postnationalsozialistischen Gesellschaften Deutschlands und Österreichs Demokratie zu fordern. Eine solche Forderung nämlich muss sich bewusst sein, dass sie nichts anderes sein kann, als Ermutigung zu Selbstjustiz und Aufforderung zum Amoklauf. Denn der Adressat solcher Forderungen ist nicht mehr das liberale Subjekt vergangener Zeiten, sondern das faschisierte Subjekt, dem die Ideologie der Volksgemeinschaft gewissermaßen zur zweiten Natur geworden ist, ein Subjekt, dem die Relativierung eigener Interessen an staatspolitischen Notwendigkeiten, die selbsttätige Entindividualisierung als selbstverständlich gilt und jedes Eigeninteresse mithin suspekt.

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