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Die Einheit des Vielen ohne Zwang

12. Februar 2004 – Der Kommunismus Adornos

Im vergangenen, dem im bürgerlichen Feuilleton immer wieder so genannten »Adorno-Jahr«, konnte der Wißbegierige so einiges lernen: Theodor W. Adorno war ein sensibles Genie, einer, der es mit der ehelichen Treue manchmal nicht so genau nahm, einer, der den Jazz nicht mochte und noch vieles Interessantes mehr. Jeder noch so miefige Provinzjournalist gab sich ein Stelldichein und schrieb über eine Person, von der er in aller Regel nicht das geringste verstanden hatte. und dabei fiel eines ganz besonders auf: wie sehr doch alle bemüht waren, Adorno in die Kulturecke zu drängen und den Begriff des Kommunismus zu vermeiden.
Adorno, so scheint es, hat umsonst gelebt. Die Kritische Theorie, in der Fassung der »Negativen Dialektik«, war zum einen die Reflexion des epochalen Debakels des vergangenen Jahrhunderts, des Verrats der Arbeiterbewegung am Sozialismus 1918 auf der einen, der von Arbeiterbewegung und Bourgeoisie gemeinsam vollzogene Bruch mit der Zivilisation im Nationalsozialismus auf der anderen Seite. Sie war aber auch das Beharren auf Wahrheit, auf Wahrheit über die negative Totalität der kapitalisierten Gesellschaft, auf Wahrheit gegen jeden Relativismus der Erkenntnis. Versteht sich, daß dies den konzentrierten Haß der bürgerlichen Öffentlichkeit, der Soziologen, der Postmodernen und nicht zuletzt der Linken auf sich zog, die akademische Zerstückelung der Kritischen Theorie war die Folge. Adorno wurde der gleichen Behandlung unterzogen wie Marx; man paßte ihn ins System der bürgerlichen Einzelwissenschaften ein und gewann so die neue Unschuld, die die Verlautbarungen der letzten Zeit bestimmte: Theorie statt Kritik. Damit diese Operation an Adorno gelingen konnte, mußte man ihm dasselbe amputieren wie schon Marx – die Unbedingtheit des Kommunismus, den »kategorischen Imperativ«, der keiner Vermittlung fähig ist, das heißt die unmittelbare Evidenz der Vernunft. Die »freie Assoziation« jedoch, als Antagonist falscher und verkehrter Vermittlung durchs Kapital, eben »die Einheit des Vielen ohne Zwang« - darin besteht der Kommunismus als das Kernstück der Kritischen Theorie.
Zu diesem Thema spricht am Donnerstag, 12. Februar, Joachim Bruhn, Autor und Mitglied der »Initiative Sozialistisches Forum« im Jugendclub Bureau. Die Veranstaltung beginnt um 19:30 Uhr

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